Einkaufszentrum VIVO

Roloff • Ruffing

Nachhaltigkeitszentrum Hamburg-Altona

Wettbewerb 1998 - 1.Preis
Fertigstellung 2003
36.000 qm BGF


Doch die Verwandlung der verstreuten Bioläden in ein konkurrenzfähiges Handelsnetz mit Öko-Supermärkten, -Kaufhäusern und Gewerbeparks gestaltet sich mühsam. (...)

Vor diesem Hintergrund musste man die Initiative für die erste echte deutsche Öko-Mall in Ottensen als mutige Pionierleistung werten. Alternative Läden, Dienstleister, Ärzte und Handwerker, so die Idee, sollten in der Vivo getauften „Living Mall“ synergetisch zusammenwirken. (...) Gemäß dieser Konzeption entwarfen die Architekten von me di um eine vielschichtige, offene Struktur. Herzstück der Anlage ist ein Marktplatz in der gläsernen Haupthalle. In dessen Mitte inszeniert ein freistehender Nierentisch-Treppenturm den Aufgang zu den oberen Verkaufsflächen als Skulptur. Angenehm breite Emporen im ersten Stock und die vollverglasten Ladenflächen erlauben eine Vorstellung von moderner Shopping-Atmosphäre. (...) Natürlich kommen die Standards eines nachhaltigen Hauskonzepts hier zum Tragen: die kompakte gläserne Bauweise, Regenwassersammlung, Betonspeicherdecken oder trennungsfähige Materialien sind Grundvokabular ressourcen-schonenden Bauens. Besonderheiten, die das Prädikat „Modellvorhaben“ verdient hätten – etwa die erste innerstädtische Windkraftanlage auf den Aufzugsschächten – wurden dagegen wegen Geldmangels storniert. Als Innovation bleibt ein durch Betonröhren zirkulierendes Lüftungssystem übrig, wie me di um es schon bei der Filmhochschule in Potsdam erfolgreich installiert hatten. (...)

Die transparente aber massige Gesamterscheinung des 35.000 m² großen „Nachhaltigkeitszentrums“ wird nach außen schlank gegürtet von einem knalligen grünen Band aus lackiertem Altpapier, sowie nach innen mit farbigen Lehmflächen und naturbelassenen Stahloberflächen differenziert. Die Idee von Vielfalt statt Markenkultur kann so mit baulichen Mitteln abgebildet werden, ohne die Idee der Gesamtvermarktung ins Bazarhafte aufzulösen.

Vergleicht man das Vivo mit neueren Shopping-Malls – etwa im Basler Fußballstadion von Herzog & de Meuron oder den Gasometern in Wien -, dann fällt der klug gemäßigte Kontrast zwischen nach außen sichtbarem Aufwand und innerer Lieblosigkeit auf. Weder stampft die sanft geschwungene Glasfassade zu beachtungsheischend mit dem Fuß auf, noch erfüllt das Innere die bunte Tristesse von „Shop-till-you-drop“. Ottenser Heimeligkeit und weltläufige Modernität verquicken sich in einer sehr menschlichen Architektur. (...)

Doch selbst wenn das Konzept der Öko-Mall am Ende nicht aufgeht, finden neue Betreiber hier ein weit aufregenderes Ambiente als in jeder Mall der ECE.

 
Till Briegleb in „Architektur in Hamburg Jahrbuch 2003“